
Ein Moorbad hinterlässt Spuren: Trauerränder unter den Fingernägeln, schwarze Krümel im Bauchnabel, dunkle Streifen zwischen den Zehen. Einfaches Duschen reicht nicht, um die letzten Torfreste vom Körper zu spülen, da muss schon eine gründlichere Reinigung her. Moorbreibad heißt es eigentlich richtig, und das trifft die Sache schon besser: Man nehme zwei Drittel Torf und ein Drittel Wasser, mische das Ganze gründlich und erhitze es auf 42 bis 44° C. Heraus kommt eine warme, breiige Masse, die mehr an Kinderspiele im Schlamm als an ein Bad erinnert. Doch nicht nur Breibäder sind mit der Bezeichnung Moorbad gemeint, auch Bäder mit höherem Wasseranteil werden so genannt, bis hin zu Badezusätzen, die gerade mal das Wasser trüben. Die besonderen Eigenschaften des Schlamms sind jedoch bei einem höheren Torfanteil eher zu spüren.
Das Wort Schlamm, auf griechisch Peloid genannt, ist der Überbegriff für eine ganze Reihe von Materialien. Dazu gehört beispielsweise das Moor aus überwiegend pflanzlichen Bestandteilen, aber auch der Fango, der vor allem mineralische Inhaltsstoffe aufweist und vulkanischen Ursprungs ist, außerdem Schlick, der aus Gewässern stammt, sehr feinkörnig ist und sich vor allem aus organischen Bestandteilen zusammensetzt, sowie Lehm und Heilerde. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie mit mehr oder weniger Wasser vermischt Bäder, Packungen oder Wickel ergeben. Ihre positive Wirkung auf den Menschen beruht dabei in erster Linie auf der besonderen Wärmeleitfähigkeit der Peloide. Aber auch der hydrostatische Druck, die Auftriebskräfte und die Viskosität tragen ihren Teil dazu bei. Manche Peloide wirken darüber hinaus auch substanziell: Das heißt die im Schlamm enthaltenen Wirkstoffe gelangen über die Haut in den Körper und beeinflussen so die Körperfunktionen.
In Deutschland sind seit mehr als 200 Jahren Badeorte bekannt, die Moorbäder zur Entspannung und als Therapie anbieten. Heilmoor unterliegt dem Arzneimittelschutzgesetz und gilt heute als Therapeutikum der Naturheilmedizin. Vor allem Schmerzgeplagte mit Rheuma und Gelenkerkrankungen profitieren von der schmerzlindernden Wirkung des zähen Breis. Aber auch Wellness-Urlauber schätzen die schwabbelige Masse, die mit ihrer Wärme zur Entspannung beiträgt und wie Balsam auf gestresste Nervenkostüme wirkt.
"Man hängt da drin wie ein Schluck Wasser in der Kurve", beschreibt Ulrike Meise das Moorbaden, oder mit anderen Worten: "Der Moorbrei führt zur vollständigen Entlastung des Stütz- und Bewegungsapparates." Und Ulrike Meise muss es wissen, denn sie führt zusammen mit ihrem Mann August Großmann das Moor- und Schwefelbad Senkelteich in Vlotho an der Weser. 1874 übernahm der erste Großmann Bad Senkelteich, das acht Jahre zuvor von der königlichen Regierung als Heilbad anerkannt worden war. Seitdem blieb das Bad im Familienbesitz und widmet sich voll und ganz dem Moor, zu Beginn der Großmannschen Ära noch profan Schlamm genannt.
Der Moorteich liefert als natürliche Rohstoffquelle nicht nur den Heiltorf, sondern birgt auch noch eine Schwefelheilquelle. Mischt man Wasser und Torf im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel, so erhält man Moorbreibäder, von denen der Gutachter Professor Dr. Buff schon im Jahre 1866 schwärmte: "So lässt sich erwarten, dass dieser Schlamm ein vorzügliches Material für Schlammbäder bilden wird." Bis heute setzen die Bad Senkelteicher auf ihre natürlichen Rohstoffe, die sie gelegentlich durch die ein oder andere LKW-Ladung aus dem nahegelegenen Moor bei Hille an der Weser ergänzen. Doch ein Ende der eigenen Rohstoffquelle ist nicht zu befürchten. Denn nach Abschluss der Badezeremonie wird der Moorbrei verdünnt und zurück in den Teich gepumpt. Die Aufteilung des Moorteichs in Parzellen sorgt dafür, dass der gebrauchte Torf nicht gleich wieder in die nächste Badewanne wandert. Fünf Jahre muss er ruhen, dann kann er erneut abgestochen und zum Baden verwendet werden. So entsteht ein ganz natürliches Recycling, das den Moorteich als Rohstoffquelle erhält.
Vor Beginn der Badefreuden muss der Torf zu einem Wannenbad aufbereitet werden. Dazu wird er in der hauseigenen Moor-Aufbereitungsanlage zu einer dickflüssigen Masse verarbeitet und in eine rollbare Wanne gefüllt. Dann schließt sich eine Badezeremonie an, die in Bad Senkelteich einem strengen Ritual folgt. Hierzu wird die Wanne von der Moor-Aufbereitungsanlage in eine der unmittelbar angrenzenden Badestuben gerollt. Dort schwingt sich der Badende in die zähe Masse, gestützt auf eine Badefrau, deren starker Arm ein Straucheln verhindert. Denn der Körper versinkt nur in Zeitlupe im Badetorf und verharrt scheinbar schwerelos ohne Bodenkontakt. Warmes Moor kriecht in jede Pore und erhöht die Körpertemperatur, was unmittelbar zur Entspannung führt, aber auch das Immunsystem ankurbelt und therapeutische Wirkung hat.
Anschließend ist Nachruhen angesagt: 20 Minuten liegt der Badegast auf der Ruheliege, warm eingepackt von der freundlichen Badefrau. Der Körper soll nachschwitzen und dabei Giftstoffe ausscheiden. Am Ende der wunderbar ermüdenden Prozedur wird ein weiteres Ruhestündchen empfohlen. Tagesgästen steht ein Ruheraum zur Verfügung, Hausgäste gehen auf ihr Zimmer und betten sich auf einer Torfmatratze zur Ruhe, von der ein angenehmer Geruch ausgeht. Wer danach vom Moor noch nicht die Nase voll hat, kann sich beim Moorwannen-Rennen verausgaben, den Moorschatz suchen oder sich zur Moor-Königin wählen lassen. Denn die Bad Senkelteicher sind einfallsreich bei der Unterhaltung ihrer Gäste, und zum Thema Moor fällt ihnen noch eine Menge ein.