
Artikel aus Schwimmbad & Sauna 11/12 2008.
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Nachdem sich der Begriff "Wellness" in den letzten Jahren etabliert hat, läuft er nun schon fast Gefahr, ein Auslaufmodell zu werden. Der nächste Trend "Medical Wellness" steht bereits in den Startlöchern. Ein eigens gegründeter Expertenarbeitskreis legt neue Standards fest.
Der Begriff Medical Wellness geistert bereits seit geraumer Zeit durch die Köpfe von Hoteliers sowie Betreibern von Wellness-Anlagen und öffentlichen Bädern, die eine Antwort suchen, was nach dem großen Wellness-Trend der letzten Jahre kommt. Auch in den oberen Etagen der Kurzentren, Sanatorien und Kliniken beherrscht Medical Wellness viele Diskussionen, da man sich künftig auf immer weniger gesetzliche Leistungen durch das Gesundheitssystem vorbereiten muss. Aber auch Thermalbäder erkennen, dass der Konkurrenzdruck durch immer mehr "Badetempel" härter und die Materialschlacht immer größer werden.
Zwischen Trend und Unklarheit
Jedes Jahr werden unzählige Kongresse, Tagungen und Veranstaltungen organisiert, in denen zum Thema Medical Wellness mehr oder weniger umfangreich und informativ referiert wird. Natürlich hat dieses neue Schlagwort auch Verbände und Vereine, Marketingkooperationen und Zertifizierer auf den Plan gerufen, neue Qualitätssiegel zu entwickeln, so dass sich ein Betrieb heute schon circa fünf bis sechs Medical Wellness-Auszeichnungen an die Tür hängen kann.
Doch am unklarsten ist der Begriff nach wie vor für den Gast. Fragen wie die folgenden tauchen sehr häufig auf: "Was hat Medizin mit Wellness zu tun?" "Schließt sich der Begriff Medical Wellness in sich nicht aus?" "Sind Ärzte nicht dafür da, Menschen zu heilen?" Wo bleibt der Wohlfühlfaktor, der so wichtig für Freizeit und Urlaub ist?" "Oder wie sieht es aus und fühlt es sich an, in einem Hotel etwas für die Gesundheit zu tun?" "Was erwartet der Gast an Komfort und Ambiente?"
Das Gesundheitsempfinden wächst
Glaubt man den Zahlen und Prognosen diverser Studien, hat das Thema Medical Wellness großes Potenzial. Für ein Drittel der Bundesbürger ist es besonders wichtig, im Urlaub etwas für die Gesundheit zu tun. Auch die Unternehmensberatung Roland Berger prognostiziert dem Gesundheitstourismus bis 2010 jährliche Wachstumsraten von acht Prozent.
Es ist also an der Zeit, den Begriff Medical Wellness inhaltlich zu definieren und Standards festzulegen, was es braucht, um wirklich Medical Wellness anbieten zu können. Nur so kann man dem Gast verdeutlichen, wo der Unterschied zwischen Wellness und Medical Wellness liegt und was er von dem einen oder anderen Angebot erwarten kann.
Klarheit schaffen
Für Diskussionsstoff sorgte eine Definition, die im vergangenen Jahr auf dem Medical Wellness-Kongress in Berlin verabschiedet wurde. In dieser heißt es: "Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitende Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil".
Dieser Satz ist auf Anhieb nicht zu verstehen. Was ist eine gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahme? Reicht es aus, dem Gast in einem Hotel einen Blasen- und Nierentee zu reichen, weil gesundheitswissenschaftlich belegt ist, dass dieser die Harnausscheidung vermehrt. Ist das Medical Wellness?
Etwas Gutes hatten die Veröffentlichung und die darauffolgenden Debatten um diese Definition auf jeden Fall gehabt: Sie brachten Verbände, denen eine verständliche Beschreibung des Begriffs und eine inhaltlich klare Formulierung der Basisanforderungen wichtig ist, an einen Tisch. Auch der Gast sollte künftig verstehen können, was Medical Wellness auszeichnet.
Klar war: Es geht nicht nur um Kriterien der Hardware. Viel wichtiger sind fachlich kompetente Mitarbeiter, verbindliche Ausbildungs- und Qualitätsstandards, der Service- und Dienstleistungsgedanke und vor allem ein schlüssiges Konzept von Medical Wellness. Die Betriebe benötigen nicht eine weitere Auszeichnung für vorhandene Ausstattungen an der Tür, sondern eine inhaltliche konzeptionelle Beratung, um Medical Wellness richtig anzubieten und ein längerfristig finanzierbares Konzept.
Wenn in einem Hotel die Wohlfühlmassage eher einer Streicheleinheit gleicht oder der Saunaaufguss falsch inszeniert wird, ist das für die Entspannung des Gastes nicht gerade förderlich oder führt dazu, dass der Gast nicht wiederkommt. Medizinische Behandlungen, die aufgrund mangelnder Qualifikation nicht die gewünschte Wirkung haben, können jedoch gesundheitliche Folgen haben und im schlimmsten Falle strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Arbeitskreis "Medical Wellness"
Im Januar 2008 trafen sich in Berlin Vertreter der Wellness-Hotels Deutschlands, der Medical Wellness Stars, des Deutschen Medical Wellness-Verbandes, des Europäischen Gesundheitszentrums für Naturheilverfahren, der Sebastian Kneipp Institut GmbH und vier weitere zu ersten Gesprächen, um für mehr Klarheit in Sachen Medical Wellness zu sorgen. Eine neue Präambel und verbindliche Kernanforderungen sollten in mehreren Arbeitskreisen erarbeitet werden. Gemeinsames Ziel war von Anfang an, nicht einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, sondern die Festlegung eines größtmöglichen Qualitätsstandards, an dem sich die gesamte Branche orientiert und die künftig eine Unterscheidung von guten und schlechten Angeboten möglich machen sollte.
Mitte Oktober wurden Standards verabschiedet (siehe Schwimmbad & Sauna 11/12 2008). Zu den bereits erwähnten Unterzeichnern gehören u.a. der Deutsche Heilbäderverband, das Biohotel Eggensberger, das Europäische Wellness-Institut (EWI) und die International Spa & Wellness Association (ISWA), die Marketinginitiative zur Förderung von Gesundheitstourismus "med in Germany-Premiummarke No.1", die RAL-Gütegemeinschaft Kur-einrichtungen, die Sächsische Staatsbäder GmbH, The Leading Medical Wellness Hotels & Resorts und der Verband Deutscher Kurörtlicher Betriebe.
Foto: Lanserhof