
Kneipp ist out. Das zumindest scheint die Meinung einiger Spa- und Bäderbetreiber zu sein. Nur so ist die stiefmütterliche Berücksichtigung des bekanntesten aller Wasserdoktoren in modernen Thermen und Bädern zu erklären. Der "Vorreiter der Wellness-Bewegung", wie Holger Wolf, Sprecher der Geschäftsführung der Kneipp-Werke, den Namensgeber der Marke am liebsten sehen möchte, findet oft nur noch am Rande einen Platz. Lieblose Wassertretbecken überwiegen, im gnadenlosen Einheitsweiß gekachelt und mit funktionaler Metallstange. Wenn selbst das Tretbecken zu Gunsten eines Wasserpilzes oder einer Wasserrutschbahn gestrichen wurde, werden Nachfrager dann auch schon mal auf das Tauchbecken in der Saunalandschaft verwiesen, das "schließlich auch im Kneippschen Sinne" sei.
Die Lehre des Pfarrers Sebastian Kneipp geht letztlich auf einen verzweifelten Selbstversuch zurück. Als 24-jähriger erkrankte Kneipp an Lungentuberkulose ohne Aussicht auf Heilung. Im Buch des schlesischen Arztes Johann Siegmund Hahn las er von der "Kraft und Wirkung des frischen Wassers". Der Theologiestudent wanderte 1849 zwei- bis dreimal pro Woche von Dillingen aus eine Dreiviertelstunde zur Donau, sprang hinein und marschierte an-schließend wieder zurück.
Nach seiner wundersamen Heilung begann Kneipp mit Güssen und Bädern zu experimentieren und entwickelte eine eigene Lehre. Am bekanntesten sind seine Wasseranwendungen. Weniger bekannt: Kneipp hatte einen ganzheitlichen Ansatz. Seine Therapie umfasst die gesamte Lebenswelt und basiert auf fünf Säulen. Zur Wassertherapie kommt eine Ernährungstherapie hinzu, außerdem eine Bewegungstherapie, die Behandlung mit Mitteln der Pflanzenheilkunde und eine Therapie zur Stressreduzierung.
Bereits Kneipp erzielte erstaunliche Behandlungserfolge, und bis heute ist seine Hydrotherapie im Gegensatz zu anderen alternativen Behandlungsmethoden in der Schulmedizin anerkannt - obwohl für die meisten Kneippschen Anwendungen immer noch kein wissenschaftlicher Wirknachweis vorliegt. Ärzte und Therapeuten stützen sich bei den Wasseranwendungen auf langjährige Erfahrungen und erzielen z.B. bei Fieber, Durchblutungsstö-rungen, chronischen Schmerzen und Schlafstörungen gute Erfolge.
Die weichgespülten Wellness-Anwendungen mit Streichelmassagen und temperierten Pools scheinen dem Kneippschen Grundgedanken zu widersprechen, denn das Kneipp-Konzept beruht auf der Abhärtung durch kaltes Wasser. Moderne Genießer aalen sich lieber im Whirlpool und machen oft selbst nach dem Saunagang einen Bogen um das Tauchbecken. Doch häufig mangelt es nicht an der Motivation der Saunagänger, sondern am nötigen Wissen. Sauna ist besonders deshalb beliebtes Wintervergnügen, weil es neben Entspannung auch Krankheits-Vorbeugung verspricht. Doch die wenigsten wissen, dass die ohne kaltes Wasser nicht zu kriegen ist.
"In vielen Bädern fehlen Menschen als Dienstleister, die den Besuchern fachkundig Auskunft geben", krittelt German Schleinkofer von der Sebastian-Kneipp-Schule. Er glaubt an die Bereitschaft der Menschen, sich auch unangenehmeren Prozeduren zu unterziehen, wenn zum Beispiel Gesundheitsanimateure die nötigen Informationen liefern. "Was von Wellness-Anwendungen oft nur versprochen wird, kann die Kneipp-Therapie leisten", sagt Schleinkofer. Doch dazu ist Aufklärung notwendig. Nur wenige springen ins kalte Wasser, wenn sie sich keinen Nutzen davon versprechen. Den größten Nachholbedarf sieht Schleinkofer jedoch in der äußeren Verpackung. "Das Ambiente muss stimmen", rät Schleinkofer den Anbietern, "ein funktionales Badezimmer mit einer versifften Plastikflasche in der Ecke für den Badezusatz reicht eben nicht aus".
Schwimmbad & Sauna 5/6-2005