
Um die Kostbarkeit zu ermessen, hilft ein Vergleich: 30 Rosenblüten ergeben einen Tropfen Rosenöl, 8 Mio. Rosen einen Liter des kostbaren Öls. 8 Mio. Rosen kann sich kein Mensch mehr vorstellen, das könnte ein Berg sein, so hoch wie ein zehnstöckiges Haus, oder 20 Eisenbahnwaggons, bis an den Rand mit Rosenblüten gefüllt. Nach der Destillation riecht das daraus gewonnene Öl je nach Rosensorte eher berauschend oder frisch, zart oder schwer. Sein Duft legt sich tröstend auf wunde Seelen, denn Rosenöl soll stimmungsaufhellend, harmonisierend und auch erotisierend wirken.
Jahrhundertealte Aufzeichnungen berichten über die Verwendung von Kräutern, Ölen, Balsamen, Rinden und Hölzern zu religiös-rituellen Zwecken oder zur Steigerung des Wohlbefindens. Rezepte für die verschiedenen Anwendungsarten sind aus China, Indien, Japan, Ägypten, Griechenland, Rom und auch dem alten Europa überliefert. Oft lag der Umgang mit den kostbaren Essenzen in Händen der Priester, aber auch Magier und Heilkundige wussten um die wirkungs-vollen Düfte. Viele der alten Rezepte bilden heute noch die Grundlage moderner Anwendungen, die unter dem Stichwort Aromatherapie verbreitet sind. Die Bezeichnung entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts und geht auf den französischen Chemiker Dr. René-Maurice Gattefossé zurück. Gattefossé erlitt eines Tages bei einer Explosion schwere Verbrennungen und tauchte seine Hand in Lavendelöl. Seine Schmerzen wurden rasch erträglicher, und die Wunden heilten überraschend schnell. Er war so beeindruckt, dass er begann, die Eigenschaften ätherischer Öle zu erforschen.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben nachgewiesen, dass z.B. Wohlgeruch bei schlafenden Menschen angenehme Träume auslöst und der Geruch von Rosmarinöl die Durchblutung erhöht. Dabei gelangt das Öl nicht nur über die Nase in den Körper, der Mensch nimmt die Wirkstoffe auch über seine Haut und die Lunge auf. Intensität und Art der Wirkung hängt eng mit der Qualität der Öle zusammen: Nur 100% reines ätherisches Öl wird aus natürlichen Rohstoffen gewonnen. Sog. naturidentische Öle werden einem natürlichen Vorbild im Labor nachgebaut. Üblicherweise bleibt die Bezeichnung "synthetisch" den Stoffen vorbehalten, die keine Entsprechung in der Natur haben und frei erfunden sind. In der Aromatherapie werden nur reine ätherische Öle untersucht und verwendet, die oft aus mehreren 100 Inhaltsstoffen bestehen. Die künstlichen Öle werden dagegen nur aus wenigen Stoffen erzeugt, die vor allem den Geruch der Naturprodukte nachahmen sollen. Durch ihren Geruch können alle duftenden Öle die menschliche Psyche ansprechen und Erinnerungen, Wohlbefinden oder Unbehagen auslösen. Aromatherapie im engeren Sinne, das heißt eine Wirkung auf den menschlichen Körper, ist jedoch nur von rein ätherischen Ölen zu erwarten.
In Privathaushalten ist die Verwendung von Duftstoffen längst üblich geworden, auch wenn selten das Wort Aromatherapie fällt. Erkältungsbäder und Duftlampen gehören in vielen Haushalten zur Standardausrüstung, aber auch Massageöle oder heiße Öl-Wasser-Mischungen zum Inhalieren werden immer beliebter. Aus Wellness-Einrichtungen sind Düfte heute nicht mehr wegzudenken. Die positive Beeinflussung der Psyche durch Duftstoffe gehört zum Standardprogramm: Raumbeduftung, aromatisierte Massageöle und Sauna-Aufgüsse sind üblich. Über 80% der Saunagänger erwarten laut Auskunft des Deutschen Saunabundes einen Aufguss mit Duft. Doch der gute alte Eukalyptus als tägliches Rahmenprogramm hat ausgedient. Der Trend geht zu Fun-Aufgüssen, Düfte werden gezielt zur Positionierung der Wellness-Einrichtungen eingesetzt.
So wird der Duft zum Thema für die ganze Einrichtung, der Aufguss zum Event. Reicht man nach einem Ananas-Aufguss frische Ananas, so wird die Sauna zu einem ganz besonderen Ereignis für alle Sinne. Die vier Jahreszeiten werden dabei ebenso zum Thema wie Weihnachten oder eine Südsee-Insel. Duft-Pavillons, aromatisiertes Eis für Eisgrotten oder aromatisierte Frischwasser-Whirlpools sorgen dafür, dass es den Besuchern nicht langweilig wird. Ein Sauna-Aufguss hat mit Aromatherapie im engeren Sinn nichts zu tun, da vor allem die Psyche angesprochen werden soll und eine Wirkung auf den Körper aufgrund der geringen Konzentration nicht zu erwarten ist. "In der Sauna will man vor allem stimulieren und harmonisieren", sagt Parfumeur und Duftexperte Erich Schmidt, "das heißt wir haben es hier mit der Aromachologie zu tun". Mit Aromachologie wird die Wechselwirkung zwischen Geruch und Gefühl bezeichnet. Trotzdem muss der Einfluss auf den menschlichen Körper berücksichtigt werden. So eignen sich für die Sauna keine beruhigenden Düfte, da die Wärmeeinwirkung bereits den Blutdruck senkt. Wenn beruhigende Duftstoffe wie Lavendel hinzu kommen, könnte so mancher Saunagänger mit einem Kollaps reagieren.
Wer Aromatherapie nur mit Wellness-Produkten wie Duftlampen und Massageölen in Verbindung bringt, unterschätzt ihre Wirkung. Viele schwören bei einer Erkältung auf Mittel wie Wick VapoRub und praktizieren damit eigentlich schon Aromatherapie. Die stark riechende Salbe ist eine Mischung aus Kampfer, Menthol, Terpentin- und Eukalyptusöl - so einfach wie effektiv.
Schwimmbad & Sauna 1/2-2005 - "Wohlfühl-Magazin"